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90 Jahre Elberfelder Hütte und das verflixte 7. Jahr

Pächter Herbert Mayerhofer berichtet

 

 

 

Unglaublich wie die Zeit vergeht, sieben Jahre bin ich nun Pächter und Wirt auf der Elberfelder Hütte. Eigentlich nennen wir „unsere“ Hütte ja „das Raumschiff Elberfeld“.

Warum, erfahrt ihr später!

Der Reihe nach: Hüttenwirt bin ich schon seit 1995, Bergführer seit 1993.

Beides zusammen ist eine perfekte Kombination, um kompetent in den Bergen arbeiten zu können.

Nahe der großen Stadt Wien auf der Hohen Wand, am Hubertushaus, habe ich das Handwerk als Hüttenwirt erlernen dürfen, nachdem ich erfolgreich die Ausbildung zum Konditor und zum Berg- und Skiführer abgeschlossen hatte. Diese sechs Jahre auf der gemütlichen Hütte waren meine Lehrjahre. Ich habe gelernt. Nie wieder so nahe einer großen Stadt!

Nie wieder so viele Wiener…

Obwohl die Möglichkeit meiner großen Leidenschaft, das Klettern, direkt vor der Haustüre lag, war die Arbeit mit gehfaulen Gästen vor allem aus Wien nicht zufriedenstellend, nicht im Geringsten…

Viele Geburtstagsfeiern, Hochzeiten und sonstigen Partys, wo um 4.00 Uhr früh der letzte Schnaps, Wein oder Bier zu servieren war, das war nicht meines. Seither gilt für mich: Lieber um 3.00 Uhr früh persönlich ein Frühstück servieren, als Schnäpse und Bier bis vier. Nach über sechs Jahren machte ich Schluss mit dem Hubertushaus auf der Hohen Wand.

Ich landete auf der Barmer Hütte in Osttirol, fünf Jahre lang. Einzigartig liegt diese urige Hütte am Fuße des Hochgalls. So viele gute und steile Felsen zum Klettern vor der Haustüre, hier habe ich richtig Lust bekommen noch weiter weg vom Alltag, eine noch hochalpinere Hütte zu bewirtschaften. Je weiter und je höher eine Hütte in den Bergen liegt, umso netter und angenehmer sind die Gäste, so ist es nun mal.

Im oberen Gößnitztal liegt die Elberfelder Hütte auf 2346 Meter über dem Meeresspiegel, hier habe ich meinen Platz gefunden. Natürlich merkt man „der Elberfelder“ ihr Alter von 90 Jahren schon ein wenig an, daher wird sie von uns liebevoll gehegt und gepflegt.

In der Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern, weit entfernt von Heiligenblut, weit weg von den Nachbarhütten, herrschen auch eigene Gesetze, an die wir uns halten. Ganz egal von wo man aufsteigt, unter 5-6 Stunden geht hier nichts. Das ist gut so, besser geht’s nicht mehr…die Versorgung erfolgt ausschließlich per Helikopter.

Natürlich erfordert die Bewirtschaftung einer Hütte mit Hilfe eines Helikopters gute Planung und Logistik, auch die Kosten sind nicht zu unterschätzen. Aber auch das macht die Arbeit, weit abseits des normalen Alltages, mehr als interessant. Nichts darf bei den Einkäufen im Tal vergessen werden. Gar nichts. So können wir nur Kleinigkeiten zu Fuß transportieren, falls doch etwas vergessen wurde. Auch mit frischem Gemüse oder Obst müssen wir vorsichtig umgehen, da die Lagerung nicht einfach ist. Aber es wird immer besser, erst 2016 haben wir eine gut funktionierende Kühlanlage im Keller bekommen. Seither liegt die Temperatur dort bei ca. 6-8 Grad. Davor lag die Temperatur bei 15 Grad (plus), gar nicht ideal und viel zu warm. Trotz dieser nicht einfachen Umstände kommt aus unserer Küche immer Frischgekochtes! Vom selbstgebackenen Brot bis hin zum saftigen Schweinsbraten oder aber den Nachspeisen, alles wird aus besten frischen Rohprodukten zubereitet. Die Ausnahmen sind wohl nur ganz wenige. Wir können es uns gar nicht leisten sämtliches Essen aus Dosen zu servieren, denn der Müll, welcher hier anfallen würde, muss ja wieder ins Tal geflogen werden! So entsorgen wir diesen schon vor dem Transport hinauf zur Hütte, soweit es halt geht. Darum haben wir auch 2017 wieder das Umweltgütesiegel verliehen bekommen, auf das wir besonders stolz sind! Das gelingt auch nur, wenn die Zusammenarbeit mit der Sektion gut funktioniert, daher an dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle Beteiligten, die uns immer zur Seite stehen!

Aber auch sämtliche Umbauten und Erweiterungen, Reparaturen oder sonstige Arbeiten funktionieren nur in Zusammenarbeit mit der Sektion. Sämtliches Material muss teuer mit dem Helikopter geliefert werden. Hier darf die Logistik auch nicht versagen und erfordert genaue Planung. Es wurde in den vergangenen Jahren sehr viel umgesetzt, um die Bewirtschaftung zu erleichtern und das Umfeld der Hütte zu verschönern. Vieles passierte in der Hütte und ist von unseren Gästen gar nicht sichtbar, wie die neue Decke und Kühlmöglichkeit in der Küche. Der komplett neue Winterraum samt neuem Ofen, die neuen Heizungen sowie der neue Warmwasserboiler für die Dusche und Waschräume. Nicht zu vergessen unsere neue Waschmaschine! Für eine neue und besonders hübsche Optik rund um die Hütte strahlt die neue Terrasse auf der Nordseite, sowie der kleine Zubau für Brennholz auf der Südseite. Der Übergang zur Noßberger Hütte über die Hornscharte wurde auf beiden Seiten komplett neu mit Stahlseilen sowie Trittstiften neu versichert! Dennoch bleibt dieser Übergang die Schlüsselstelle am Wiener Höhenweg!

Tja, so gibt es immer etwas zu tun.

Wie ihr seht ist und bleibt der Helikopter die einzige Möglichkeit das Raumschiff zu versorgen. Ja sogar zur Hüttenschließung benötigen wir ihn für den Abtransport von sowohl nicht benötigten Lebensmittel als auch einigem an Müll. So kann ich sagen: Das „Spaceshuttle“ der Firma Wucher dockt pro Saison ca. 15-20-Mal am „Raumschiff Elberfeld“ an. Bei größeren Reparaturen oder Arbeitseinsätzen kommen noch einige Flüge dazu.

Es erscheint euch wohl, dass wir mehr rund und an der Hütte arbeiten als mit unseren netten Gästen!?

So ist es auch, denn für die knappen 3 Monate, die wir hier oben im schönsten Tal der Welt verbringen dürfen kommen immer neue, aber lösbare, Probleme auf uns zu und wir müssen oft und schnell improvisieren um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Der Sommer ist kurz auf knapp 2500 m und alles muss in dieser Zeit erledigt werden.

Dennoch liegt unser Hauptaugenmerk bei der Arbeit in der Küche und bei den Wegen, die zu und von der Hütte führen. Wie sind die aktuellen Verhältnisse an den Übergängen? Können die Wanderer weitergehen? Wie wird das Wetter in den nächsten Tagen, Gewitter, Neuschnee? Viele Fragen, immer wissen wir eine Antwort und geben diese bestmöglich weiter. Unsere einzige Verbindung zur Außenwelt ist das mit Satellitenverbindung bestehende Internet. Hier bekommen wir den „manchmal verlässlichen Wetterbericht“.

Seit 2011 sind alle, die uns besucht haben, sicher ins Tal oder zu einer unserer Nachbarhütten gekommen. Nicht immer ganz trocken, aber sicher! Das zählt.

Als Hüttenwirt und Bergführer fühle ich mich dazu verpflichtet den Bergsteigern bestmöglich Auskunft zu geben!

In den vergangenen sieben Jahren haben sich so gut wie keine dramatischen Unfälle auf den Wegen und Gipfelanstiegen rund um die Elberfelder Hütte ereignet. Natürlich passiert hin und wieder etwas, aber dabei handelt es sich meist um die sogenannten „Ausrutscher“ auf den oft nassen und steinigen Wegen. Bänderzerrungen, Knieverletzungen und Müdigkeit waren die Hauptursachen. So etwas kann natürlich jedem passieren, wirklich jedem, aber dennoch behaupte ich, dass mit einer besseren Tourenplanung sowie besserer Kondition und optimaler Vorbereitung der geplanten Tour viele dieser Unfälle vermieden werden können! Aber in solchen Fällen, bei Verletzungen, die das Weitergehen unmöglich machen, kommt dann natürlich der Rettungshubschrauber, zum Glück war dieser nicht sehr oft bei uns auf Besuch. So soll es auch bleiben.

Oft kommen Wanderer nach einem langen Tag bei der Türe herein und sind nicht nur müde, sondern wirklich erschöpft und die Wanderung durch die Schobergruppe muss abgebrochen werden. Der lange Abstieg ins Tal ist und bleibt dann als einzige Möglichkeit. Hierzu kann ich nur sagen: „Bessere Tourenplanung und bereitet euch genauer auf Bergtouren vor“.

Wie oft habe ich schon probiert, die abgelösten Sohlen von den uralten Wanderschuhen zu reparieren? Ich weiß es nicht mehr, das Einzige was hier hilft sind Kabelbinder und von diesen habe ich genügen auf Reserve. Oder aber das gute alte Problem mit neuen Wanderschuhen! Auweh, wie viele Blasen habe ich schon verarztet, somit ist auch immer genügend Verbandsmaterial und Pflaster auf der Hütte vorhanden.

Aber all diese unangenehmen Probleme halten sich wirklich in Grenzen und nach dem Motto „wer weit wandert ist zufrieden und ausgeglichen“ ist der Umgang mit meist fremden Menschen aus allen Teilen Europas sehr interessant, informativ und äußerst angenehm!

Da es bei uns keine „Hüttenruhe oder Sperrstunde“ gibt, können die Abende schon mal etwas länger dauern…besonders, wenn ich spontan einen meiner kurzen Vorträge halte.

Hier sind die Themen natürlich in erster Linie alles rund um die Hütte, aber auch einiges von meinen vielen Auslandsreisen und Expeditionen.

Das heißt aber nicht, dass es hier laut und lärmreich zugeht. Nein mir ist sehr wichtig, dass alle, die schon schlafen, das auch ungestört tun können. Die Nachtruhe dient ja dazu am nächsten Morgen fit zu sein, um ausgeruht weiterwandern zu können.

 

Die Elberfelder Hütte im Winter?

 

Na sicher! Da ja nun schon auf alpenvereinaktiv.com die Schoberrunde vorgestellt wurde, gebe ich auch noch meinen Senf dazu. Eigentlich ein wenig ungern, da es im Winter so schön ruhig und friedlich ist und bisher ein Geheimtipp war. Ich bin seit Jahren, auch schon vor meiner Zeit auf der Elberfelder, immer wieder in der Schobergruppe unterwegs gewesen. Herrliche unverspurte Hänge in traumhafter und einsamer Umgebung! Zum Glück hat in dieser Zeit keine Hütte geöffnet, so bleibt nur der unversperrte Winterraum, um zu nächtigen. Aber das könnte sich in Zukunft ändern, denn ich denke schon seit Längerem darüber nach in der Skitourensaison die Hütte zu öffnen. Allerdings wird das nicht so einfach, denn ohne Strom und fließendem Wasser ist das wohl eine neue Herausforderung. Im März werde ich für einige Tage einen Testversuch unternehmen. Auf Anfrage von den Kalser Bergführern und einigen Kollegen werde ich versuchen die Stube und Küche zu heizen, und kleine Speisen und heiße Getränke zubereiten. In den Schlafräumen gibt es genügend warme Decken, erfrieren sollte man also nicht. Mit dem neuen Winterraum, er ist gut beheizbar, kann ich sogar einen Trockenraum anbieten. Das ist mein neues Projekt, denn die Hänge im Gößnitztal sind weit und einsam…

Ich werde euch natürlich darüber informieren, vielleicht gelingt es ja den Skitourenhorizont ein wenig zu erweitern!

Aber nun zur Frage, die uns immer gestellt wird: Wie versorgt ihr denn das Raumschiff mit Energie?

Natürlich mit Strom, der kommt aus der Steckdose, ganz einfach.

So ist es aber leider nicht ganz, denn die saubere Lösung mit unserem kleinen Wasserkraftwerk erfordert unsere meiste Arbeit, mit viel Einsatz. Der kleine Hornbach ist ein lebender Bach, welcher sich im Laufe der vergangenen Jahre selbstständig gemacht und verlegt hat. Er bildet sich aus Schmelzwasser vom Hornkees. Bei starken Regenfällen oder gar Gewittern wird er zum reißenden Fluss und zerstört alles was im Weg ist. Jedes Jahr haben wir gekämpft ihn zu kontrollieren. Das ist uns bisher mit sehr viel körperlichem und zeitlichem Einsatz gelungen. Die Stunden, ja sogar Tage, die wir oben beim Einlaufbereich verbracht haben, kann ich nicht mehr zählen. Ohne regelmäßige Kontrolle und Pflege des Hornbaches wäre keine Stromversorgung der Elbefelder Hütte möglich. Das war schon immer so.

 

2017 - das verflixte siebte Jahr.

Schon der 27.06.17, am Siebenschläfer Tag (Wetter so wie heute – so wird es die nächsten sieben Wochen bleiben), war sehr durchwachsen mit Gewitter, Sturm, nur wenig Sonne zwischendurch, ungemütlich und eigentlich kein Wetter, um freiwillig im Hochgebirge unterwegs zu sein.

Dann der 4. August, am frühen Abend hat sich mit einem heftigen Gewitter alles im Gößnitztal verändert.

Eine gewaltige Flutwelle nach Starkregen hat den gesamten Fassungsbereich zur Gänze zerstört. Wie immer bei solchen Ereignissen war die Hütte gut besucht und wir waren gerade dabei das Abendessen auszugeben…das hat sich dann um einige Zeit verzögert.

Mit einem Schlag war der Strom weg, alles finster und still. Alle Anwesenden wollten helfen, doch bei diesem Ausmaß an Zerstörung war nichts mehr zu machen, außer Ruhe zu bewahren, unser kleines Notstromaggregat zu aktivieren und das Essen zu servieren. Mahlzeit bei Kerzenlicht!

Der Bach hat sich um weiter 7 Meter verlegt und sogar die kleine Holzbrücke, welche darüber geführt hat, war weggerissen. Das Fassungsbecken war unterspült und drohte abzurutschen.

Es war alles kaputt. VW-Bus große Felsen haben sich bewegt und den Bachlauf verlegt. Am nächsten Morgen konnten wir mit Hilfe einiger Gäste und Ersatzrohren das Wasser wieder soweit zuleiten, dass die Druckrohrleitung gefüllt wurde und zur weiteren Stromversorgung führte. Vielen Dank an alle, die uns damals halfen!

Tja, bis Saisonschluss im September lag unsere Aufgabe darin jeden Tag mehrmals aufzusteigen, um die Wasserversorgung zu sichern. Das ist uns gelungen.

Wie jedes Jahr machen wir die Elberfelder mit Mitte September winterdicht. Leider kam der Winter mit über eine halben Meter Neuschnee schon am 9. und wir flüchteten ins Tal.

So schnell und abwechslungsreich vergehen die Sommermonate in der Schobergruppe, es wartet im heurigen Jahr wieder viel Arbeit auf uns. Die Stromversorgung mit neuem Wasserkraftwerk wird errichtet und natürlich freuen wir uns schon auf viele Bergsteiger aus aller Welt!

 

Ab 1. Juli heißt es dann wieder: „Willkommen am Raumschiff“.

Herbert Mayerhofer