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Hochtouren am, rund um und über den Großvenediger vom 31.7. bis 5.8.2016

Ein Tourenbericht von Ernst Adam

 

Wir fahren dem Urlaubsverkehr erst am Sonntagmorgen quasi gemütlich hinterher, das war der Plan. Aber die auch für Tirol mittags angekündigten Gewitterfronten mahnen uns zur Eile. Also doch frühe Abfahrt und durch schwere nächtliche Gewitter Richtung Österreich, nach Streden im Virgental. Dabei gönnen wir der ASFINAG in Österreich nichts und fahren an der letzten Ausfahrt in Deutschland in Kiefersfelden ab, durch Kufstein und weiter durch den Felbertauerntunnel, der uns je Fahrt unumgängliche 11 € kostet. Der Parkplatz am Talende in Streden (1403 m) wird professionell geführt und bewirtschaftet. Wo findet man sonst eine große Toilettenanlage zur kostenlosen Nutzung auf einem Parkplatz? Später werden wir uns darüber noch aus ganz anderen Gründen freuen.

Jetzt hatten wir uns schon so beeilt, um 09:30 Uhr mit dem bequemen Aufstieg zur Essener-Rostocker Hütte (2208 m) begonnen und doch holt uns der Regen lange vor der Hütte ein. Der verregnete Rest des Tages wird auf der Hütte mit theoretischen Dingen zugebracht, wobei untrüglich die müden Augen der Teilnehmer die Grenze der Aufnahmefähigkeit zeigen.

Also am nächsten Tag raus in die Berge und ran an die Praxis. Spaltenbergung geht immer, also rein in die Spalte und sich selber befreien. Die Handhabung ist hier und da fummelig mit Prusik, Gardaschlinge und unterschiedlichen Karabinern. Mitunter mühselig, ohne Steigeisen schier unmöglich, pusseln sich alle wieder nach oben.


Abbildung: Aufstieg am Seil aus der Gletscherspalte

Es zeigt sich, dass sich der Tibloc (Petzl) auch am belasteten Seil viel besser schieben lässt als eine Prusikschlinge und ein Micro Traxion (Petzl) als Rücklaufsperre das Seil unglaublich leicht durchlaufen lässt, das spart viel Kraft. Im Vergleich stellen wir außerdem fest, dass manche modernen, kantigeren Karabiner die Gardaschlinge zu stark bremsen.

Zurück geht es durch unwegsames Gelände und über Gebirgsbäche ohne Brücken, auch das gehört zum Kurprogramm.


Abbildung: Weglos auch über Gebirgsbäche

Er ist einer der „Hüttengipfel“: Östlicher Simonyspitz (3488 m) und nach DAV-Karte von 2014 führt ein Weg hinauf, teils über Gletscherreste.


Abbildung: Links Westlicher, rechts Östlicher Simonyspitz 3488 m

Der Weg im Talboden läuft über Grasmatten und führt uns dann durch Steilstufen in die Höhe. Erster Zweifel über den wenig abgenutzten Boden unter den Füßen kommt auf. Ein Blick zurück zur malerisch im Talboden stehenden Hütte zeigt, wir haben einen schönen Tag erwischt, aber außer uns ist keiner auf dem Weg.


Abbildung: Essener-Rostocker Hütte im Talkessel vor den Gipfeln der südlichen Venedigergruppe

Viel weiter oben kommt uns ein Einzelgeher entgegen gelaufen, wir grüßen den Bergführer und er wünscht uns beim Vorbeihuschen viel Glück. Wir stutzen kurz über den merkwürdigen Tagesgruß und suchen weiter unseren Weg, der sich prompt kurz darauf im Gelände verliert.

 


Abbildung: So deutliche Wegzeichen wären hier und da gut gewesen

Wir stellen fest, nur minimale Reste der Gletscher sind noch da, es geht häufig durch steiles, brüchiges Gelände, an einer Stelle müssen wir sichern. Weiter oben sehen wir am Gipfelgrat nur wenige Fußspuren im tiefen Schnee und keine Spur führt vollständig über den verwechteten Grat zum wenige Meter entfernten Gipfel ohne Kreuz. Auch wir lassen diese letzten Meter aus, weil der Wechtenspalt überdeckt ist.


Abbildung: Östlicher (vorne mit Wechte) und Westlicher Simonyspitz 3488 m

Unser Tourenplan sieht den Wechsel zur Kürsinger Hütte (2582 m) auf der Nordseite des Großvenedigers vor. Wir könnten den Übergang Maurer Törl (3108 m) nehmen, der für Bergsteiger reizvollere Große Geiger (3360 m) soll aber für eine Überschreitung herhalten. Dazu folgt man dem Weg Richtung Maurer Törl sehr weit und biegt erst kurz vor der Scharte nach Osten zum Großen Geiger ab. Allerdings zeigt auch hier der Gletscherrückgang seine negativen Auswirkungen. Der Weg ist kaum begangen, Wegspuren verlieren sich, es endet wieder in weglosem Gelände. In Richtung Großem Geiger zeigt auch die weiche Schneeauflage ihre Tücken. Bei einem Ausrutscher hält die Seilschaft, wir spüren, dass auf dieser Tour all das beachtet werden muss, was wir besprochen haben. Der Hüttenwirt war natürlich zu den Verhältnissen am Großen Geiger gefragt worden und offenbarte Informationen zu einer Abseilstelle zum nordseitigen Gletscher, denn der alte Übergang sei nicht mehr existent.

Am Gipfel dann einmal einen Großen Geiger zu Füßen zu haben, darüber freute sich besonders eine Teilnehmerin, welche als Geigerin bei den Duisburger Philharmonikern spielt. Ansonsten sei es – mit ehrfürchtigen Blicken – immer umgekehrt…


Abbildung: „Gipfeltreffen“ unter Geigern am Großen Geiger

Die Abseilstelle am alten Übergang war schnell gefunden und der eine oder andere der Seilschaft hat mulmige Gefühle, 40 m durch unbekanntes Gelände abzuseilen. Was als Überwindung empfunden wurde, zeigte sich im weiteren Verlauf als der leichtere Teil dieses Abstiegs. Wir müssen durch den kompletten Gletscherbruch, anschließend über die Seitenmoräne absteigen und letztlich durch viel Gebirgswasser den Weg zur Hütte finden.


Abbildung: Gletschermaul Obersulzbachkees

Erst sehr spät kommen wir an der Kürsinger Hütte an, auch der Führende mit schweren Beinen, und erfahren dort, dass wir nicht die ersten sind, denen es so ergangen ist. Wir haben eine tolle Hütte und können dennoch kaum das Abendessen genießen. Prompt kommt die zögerliche Frage auf, was denn für den nächsten Tag geplant sei. Hatte doch bis dahin keiner Kritik während des miesen Abstiegs geäußert, wofür der Führende durchaus dankbar war, machte sich Erleichterung breit, als klar war, wir nehmen den Normalweg über den Gletscher, gemeinsam mit allen anderen Seilschaften. Das garantierte wenigsten eine klare Wegführung. Nun, der Hüttenwirt erzählt freimütig, andere würden oft um 04:30 Uhr zum Großvenediger (3662 m) aufbrechen, aber 06:30 Uhr wäre für uns auch passend. Danke, das machen wir.

Der nächste Tag sollte der schönste Tag der Woche werden, morgens ist es aber noch nass auf der Terrasse und wir ahnen schon, das wird nichts mit dem Wetter. Wolken begleiten uns also auf dem Normalweg bis auf den Gipfel und auch hinunter auf der Südseite zum Defreggerhaus (2962 m). Die Kritik über diesen langweiligen Gletscherhatscher nehme ich gelassen hin, es gibt eben nicht immer spannende Touren. Obwohl das Defreggerhaus eine recht hohe Schutzhütte ist, bietet sie WLAN und damit die Chance zum Blick auf die Wetter-App. Wir erkennen, dass der nächste Tag übel werden wird, während dieser Aussichten zum Trotz am Nebentisch bereits heftig über den Aufstieg zum Großvenediger für den nächsten Morgen diskutiert wird.


Abbildung: Am Gipfelkreuz des Großvenedigers 3662 m

Trommelnder Regen weckt uns am Morgen und begleitet uns runter bis zur Johannishütte. Die letzte geplante Etappe über die berühmte Sajathütte ins Tal lassen wir berechtigt aus. An der Johannishütte treffen wir auch die Bergkameraden wieder, die noch am Nebentisch den Aufstieg geplant hatten. Nun sehnen alle das Gebirgstaxi herbei, ein super bequemer neuer Allrad-Bus, denn bei strömendem Regen über einen Fahrweg absteigen ist alles andere als schön.

Ach ja, das Toilettenhaus am Parkplatz. Es erhält nun eine ganz andere Bedeutung als Umkleide mit entsprechendem Gedränge, uns kommt alles dennoch komfortabel vor. Es ist Freitag und wir fahren vor dem Urlaubsreiseverkehr nach Hause… falsch. Vor dem sehr schlechten Wetter flüchten viele Urlauber früher Richtung Heimat und es wird auch für uns eine lange Heimfahrt.